Susanne Konrad auf buecherfrauen.de: “Zusammen bleiben” ist kein Buch, das sich rasch verkonsumieren lässt, dazu ist es viel zu dicht geschrieben. Man muss sich einlassen auf Sylvia Schmieders Erzählwelt, dann wird man mit emotionaler Spannung und auch mit großer Anschaulichkeit belohnt, die den zeitgeschichtlichen Wissensdurst anregt und auf viele Fragen nach dem Warum Antworten findet.

Vollständige Leseempfehlung: https://www.buecherfrauen.de/buchempfehlungen/artikel/sylvia-schmieder-zusammen-bleiben-roman

Lesetipp: Unsterblich, wer liebt. Berndt Schulz feiert in „Romeo und Julia. Reloaded“ die Liebe, ganz im Geiste Shakespeares und doch modern.  

Shakespeares „Romeo und Julia“ gilt noch immer als das Liebesdrama überhaupt. Eine Mehrzahl der Leser liest es heute vielleicht als seltsam faszinierendes, aber auch befremdliches Stück aus einer lange vergangenen Zeit, mit allzu leidenschaftlich und absolut fühlenden Charakteren, wie sie schon lange nicht mehr zeitgemäß sind. Das in die heutige Zeit versetzt, neu „hochgeladen“ wie eine Internetseite – kann das gutgehen?

Der Erzähler des Romans „Romeo und Julia. Reloaded“ von Berndt Schulz, im Mai in der edition federleicht erschienen, überlegt nicht lange und legt einfach los. Diesem Text merkt man von den ersten bis zu den letzten Absätzen an, dass der Autor in Sachen Spannung mit allen Wassern gewaschen ist. Schon die Eröffnung ist grandios. Der Romeo des 21. Jahrhunderts rast mit seinem Auto sieben Stockwerke eines Frankfurter Parkturms hinauf, um sich aus enttäuschter Liebe hinunterzustürzen. Der mal atemlose, mal tastende Sprachrhythmus zieht den Leser in seinen Bann, bevor er begreift, worum es eigentlich geht, und quer durch alle Kapitel bis zum Schluss wird diese Spannung so geschickt am Leben erhalten, dass dem eine breite Zielgruppe folgen wird, ob krimibegeistert, lovestoryverliebt, historisch interessiert oder nichts von alledem.

Neben die Story aus der heutigen Zeit baut Schulz eine zweite, erzählerisch gewagtere Erzählebene: die des Paares im Jahr 1594, also die Shakespeare-Geschichte. Hier lässt er sich ganz bewusst auf das Abenteuer ein, heutigen Lesern Teile der alten Sprach- und Denkwelt zuzumuten und übernimmt viele Bilder und Formulierungen des Originals. Auch wenn, je nach Hintergrund und Interesse, manche Leser überfordert sein werden, hat mir dieser Mut gefallen. Warum am Anfang des 4. Tages, in der Zeitebene des 16. Jahrhunderts, Shakespeare den modernen Titel nennt – Romeo und Julia. Reloaded – hat sich mir nicht erschlossen. Ansonsten werden die Erzählstränge aber immer wieder locker und einfach schön miteinander verflochten, zum Beispiel, wenn das Resümee der Geschichte erst vom Romeo des Jahres 2014, dann von Shakespeare auf dem Dichterfest in Mantua formuliert wird:

„Nein. Liebe vergeht nicht. Und auch wir Menschen vergehen nicht. Wir bleiben, und wenn auch nur in der Erinnerung der Überlebenden und Hinterbliebenen. In ihrer Erinnerung sind wir unsterblich – weil wir geliebt haben.“

So gelingt es dem neuen Roman von Berndt Schulz tatsächlich, eine Liebe im Jahr 2014 im Geiste Shakespeares zu erzählen: kompromisslos, schwärmerisch und unterhaltsam, mit glaubwürdigen, modernen Charakteren. Die beiläufig-witzigen Dialoge tragen dazu ebenso bei wie eine differenzierte Menschensicht und die fein gezeichnete Psychologie der Hauptfiguren. Ein doppelt spannender Roman also, bis zum Ende, auch wenn das für meinen Geschmack etwas zu dick ausgefallen ist. Andererseits: Vielleicht muss das – für diesen Roman – genau so sein, weil auch hier keine Kompromisse gemacht werden dürfen?

Berndt Schulz, Romeo und Julia. Reloaded. edition federleicht, Fuldatal, 24 €.

„Ungeheure Fliehkräfte. Doch die Familie bleibt zusammen.“ So fasst Berndt Schulz meinen neuen Roman in seiner Rezension zusammen.

Fortwollen und Bleibenmüssen
Sylvia Schmieders bewegender Roman „zusammen bleiben“

Schon der letzte Roman von Sylvia Schmieder „Saling aus dem Wald“ hat uns bewegt und angerührt. Das Buch nahm uns mit, dorthin, wo die Waldwesen, Verwandlungskünstler und Neugiertiere wohnen, es führte uns hinein in das Dunkel jenseits der Lichtungen. In ähnlichen Tiefen, nur hier die des menschlichen Zusammenlebens in gesellschaftlich katastrophalen Zeiten, ist das neue Werk der Autorin angesiedelt. „zusammen bleiben“ heißt das programmatische Porträt einer Zeit und einiger besonderer Menschen.

Mari, aufgewachsen im Dreiländereck Ungarn-Slowakei-Österreich, ist ihrem Mann Ludwig nach Deutschland gefolgt. Die Familie gerät in den Sog der NS-Ideologie und ihres zunehmenden Alltagsterrors, sie kämpft um ihr physisches und seelisches Überleben. Dann wird Maris Bruder als kritischer Journalist von der Gestapo abgeholt und der Horror jener Zeit, hier Frankfurt am Main im Jahr 1939, rückt immer näher.

Die Autorin Sylvia Schmieder, geboren in Frankfurt, lebend in Freiburg, versteht es mit ihrer bilderreichen Sprache als feinsinnige Beobachterin Menschen und Situationen bildnerisch herauszuarbeiten wie lebendiges Gewebe aus Holz oder Beton. Personen und Umstände bekommen Plastizität. Die Lesenden werden hineingezogen in eine packende Handlung hart an der Wirklichkeit entlang. Indem die Autorin Szenen aus dem Alltag herausgreift, kleine Momente und Episoden, die das Große im Kleinen zeigen, lotet sie die Untiefen der Lebensumstände aus, als Risse, die sich durch die Familie ziehen. Die 29 Kapitel plus ein märchenhaftes Schlusskapitel fügen sich am Ende zusammen und zeigen, wie fest, aber auch wie gefährdet, ja, wie zerrissen Familienbande unter dem Außendruck der Gegenwart werden können. Desto dramatischer, wenn die Familie in brutaler Zeit noch das einzig Tröstliche und Zuverlässige ist.

Dabei verfügt Sylvia Schmieder trotz allem Realismus des Blickes über eine Sprachkraft, die voller Poesie steckt. Es ist aber keine selbstgefällige Poesie, die nur auf sich selbst deutet, sondern sie gewinnt dadurch große erzählerische Kraft, die im Dienst tieferer Erkenntnisse der Umstände steht. Und sie tröstet gerade da, wo sie aus dem Schrecken des konkreten Geschehens kommt und diesen Schrecken beleuchtet: „So, aber jetzt komm, setze dich an meinen ausgebreiteten Mantel, wir fliegen ganz weit und schnell nach Amerika, wo gerade ein Mondschiff steht …“

Der Roman holt zunächst einmal aus. Er beginnt im Jahr 1972 in Großmutters Rosenfeld, wo das Mädchen Claudia mit ihren Eltern Mari und Ludwig und der restlichen Familie eines Tages ankommt und ganz von selbst in die ausgebreiteten Arme der Großmutter hineinsaust, wie ein Pfennig in einen Magneten – dieses Bild schenkt uns die Autorin. So schön kann man von Nähe erzählen: am Anfang überwiegend von der kleinen Claudia und ihrer liebenswürdigen Großmutter.

Dann geht es zurück in der Zeit. Kein Wunder, dass die eigentliche Protagonistin Mari sich von dort, wo sie gelandet ist, nämlich Frankfurt am Main im Jahr 1939, gleich wieder „wegdenkt“. Und das ist untertrieben, die Sehnsucht nach ihrer Heimat „hebt sie fast in die Luft“. Alles zieht sie nach Hause, Richtung Wien, Pozsony, Nagyszombat, doch sie ist Verpflichtungen eingegangen, ihre Familie zählt auf sie. Also bleibt sie.

Die erzählte Zeit zerrt an den Menschen, nimmt keine Rücksicht auf ausgewogene Lebensplanung. Es geht wieder vorwärts, der Roman dehnt sich nach allen Seiten aus. Die Zeit springt nicht nach den Bedürfnissen der Menschen, sondern nach den Plänen der Macht. Die Familie spricht nur ganz vorsichtig von „unserem neuen Zuhause“ – man weiß ja nie. Wir sind im Jahr 1954, dann 1970 oder wieder im Jahr 1972 angelangt und dann geht es eigentlich nur ein paar Jahre zurück, aber ganz weit zurück, wenn man die moralischen Grundsätze und Sicherheiten zwischen Menschen meint. Wir kommen wieder im Jahr 1939 an. Ein Jahr der Schrecken, von deren Ende noch niemand weiß.

Die Zerrissenheit, das Hin und Her zwischen Fortwollen und Bleibenmüssen, prägt als Grundmuster die folgende Handlung. Züge kommen an und fahren ab. Die Wehrmacht rückt im Osten vor, gerade sind die Truppen in die Slowakei einmarschiert, aber das ist nur eine Durchgangsstation. Mari würde am liebsten – wie einst Saling – in den Wald ziehen, in die Hohe Tatra beispielsweise. In dieser schrecklichen Zeit irgendwohin, ganz weit weg. „Man sollte gar nicht mehr unter Menschen leben“, denkt sie. Aber Menschen sind überall.

In kleinen, konkreten Szenen, genau gesehen und beobachtet, sprachlich kongenial wiedergegeben, erzählt die Autorin von Innenräumen und Außenstationen, von Menschen und den Begegnungen mit ihnen. Von der Familie und ihrer Schwerkraft. Das alles hält die Protagonistin am Ort fest. Doch die Sehnsucht nach „dem Anderen“ wird immer größer.

Und als die Familie dann wieder weiter muss, sind die Kinder erwachsener und vernünftiger als die Erwachsenen, irgendwie realitätsnäher. Die Großen seufzen unentwegt. Wissen sie nicht, dass jeder Seufzer einen Tropfen Blut aus dem Herzen entzieht? „Ich glaube, wir müssen jetzt los“, sagt einer, und das ist für den Moment gedacht, aber es beschreibt auch, im Subtext, die politische Lage. Denn die Familie kann in Nazi-Deutschland nicht bleiben, sie ist jetzt, wo überall inhaftiert und hingerichtet wird, gefährdet. Und wer sitzt nicht alles in „diesen Lagern“. Man spricht flüsternd davon, vorsichtig, will bestimmte Zustände gar nicht genau benennen. Maris Familie möchte sich mit sich selbst beschäftigen, aber was um sie herum geschieht, reißt sie auseinander. Der Bruder sitzt ja schon seit einiger Zeit „im Lager“. Hat jemand Nachricht von ihm? Nein.
Wir sind noch immer im Jahr 1939. Es wird höchste Zeit für die Ausreise. Noch schnell ein Stück unwiderstehlicher Apfelkuchen, dann geht es los. Der Zug bebt schon vor Bereitschaft, diesen Ort endgültig zu verlassen. Aber wo ankommen?
Der Roman assoziiert in diesen Kapiteln vor und zurück. Damit reflektiert die Autorin neben der erzählten Unruhe jener Jahre die Tatsache, dass jedes Individuum nie nur an einem einzigen Ort ist. Erinnerungen tauchen auf, Ängste auf das Morgen bezogen lassen die Gedanken fliegen. So schafft Sylvia Schmieder trotz der konkreten und auch spannenden Handlung ein fragiles Gewebe von Befindlichkeiten und Zuständen in einer höchst unsicheren Zeit. Eben tritt Mari noch ihrer Mutti gegenüber und empfängt ein Geburtstagsgeschenk, schon ertönen draußen laute Marschtritte – die Zeit ist aus ihren erträglichen und gewohnten Fugen. Die Autorin erzählt fast schmerzhaft genau davon. Wie ein Kind angeschaut wird und angelächelt wird von den Erwachsenen und es dadurch in „eine neue Höhe“ gehoben wird, ohne dies verstehen zu können. Und wie es dann auf die Straße tritt und stärker geworden ist, als es zuvor war. Wie fast gleichzeitig die Bomben fallen und das Kriegsgrauen tobt – und wie glücklich jemand ist, dass trotz allem ein Fenster heil geblieben ist, und nur einen einzigen Sprung hat.
In solchen Sequenzen zeigt sich Sylvia Schmieder als erzählende Autorin auf eine Art und Weise auktorial, also in der Perspektive „allwissend“, dass man als Lesender Bewunderung empfindet – für diese Sensibilität, für den nicht nur literaturtheoretisch sauberen, sondern vor allem menschenfreundlichen Fokus ihrer Perspektive. Erzählperspektive als Anteilnahme.

Fragile, gefährdete Welt, eine Zeit zum Verzweifeln: Als die Familie, von der erzählt wird, dann tatsächlich wieder in der alten Heimat ankommt, muss man gleich wieder in den Schutzraum unter der Erde. Mari verliert allmählich ihren Lebensmut, Ludwig will die kaputten Fenster abdichten, muss aber im Morgengrauen schon wieder an die Front, nach Italien. Noch ein Stück Brot mit Streichwurst – dann geht es los. Und in diesem ständigen Hin und Her geht schließlich die Heimat unter. Die Protagonisten sind erschöpft. Und desillusioniert. „Wenn etwas ist, buddelt ihr uns einfach aus“, sagt einer. So wenig Lebensmut steckt inzwischen in fast allen.

Und nach alldem? Beginnt nun eine Zeit wirklichen Friedens und der seelischen und physischen Erholung?
Nach dem Krieg finden sich die Überlebenden hier und dort und schließlich in Frankfurt am Main zusammen. Viel geschieht noch, es geht aufwärts und man versucht, „den verdammten Krieg“ zu vergessen. Aber da sind ja immer wieder die erinnerten Grauen der Konzentrationslager. Man versucht dennoch das zusammenzukehren, das übrigblieb und ruft auch die Urahnen dazu. Vielleicht sind die realen Wünsche aber nur in der Phantasie möglich. Und so erzählt im Sommer des Jahres 1970 eine Großmutter ihrer Enkelin ein Zaubermärchen, in dem die gute Fee Fantasia auftritt. „Es war einmal ein kleines Mädchen, … das wollte so gerne hinter die Türe gucken, wo das Leben verborgen ist …“ Und dazu muss es eine Reise antreten, die bis zum Mond führt, dorthin, wo tatsächlich Frieden herrscht. Vielleicht deshalb, weil aus den Mündern der Menschen keine Worte, sondern rote Perlen kommen.

Das Leben geht jedenfalls irgendwie weiter, es war letztlich stärker als der Tod. Die Familie kämpft zwar mit ihren Erinnerungen, versucht es aber mit einem neuen Heimatgefühl. Aber was ist in dieser Zeit, nach diesen Erfahrungen schon Heimat? Kein Ort. Nirgends.

Ungeheure Fliehkräfte. Doch die Familie bleibt zusammen.

Berndt Schulz

https://de.wikipedia.org/wiki/Berndt_Schulz

Ein paar Eindrücke vom Festival „Kultur wider das Vergessen“ am 9. Mai.

Musik verschiedenster Stilrichtungen, Lesungen, Performance … Ein sechsstündiges, sehr vielfältiges Programm zum Gedenken an das Kriegsende 1945, als Zeichen für Demokratie und gegen Totalitarismus, lockte am 9. Mai ein großes Publikum. Initiator und Organisator war der Liedermacher WoGer (Wolfgang Gerbig). Viele namhafte Künstler*innen folgten seinem Aufruf, ohne Gage für die gute Sache zu spielen.

Auch literarisch war einiges geboten, so ein eindrücklicher Auftritt der Performance-Gruppe „Laut und Lyrik“. Markus Manfred Jung und Uli Führe boten Mundart-Texte und Lieder. Auch rhetorisch fesselnd stellte Ute Bales ihre Romane „Bitten der Vögel im Winter“ und „Am Kornsand“ vor. Sylvia Schmieder las aus ihrem frisch erschienenen Roman „zusammen bleiben“, der den Alltag im zweiten Weltkrieg und die politischen Verwerfungen ihrer eigenen Familie thematisiert.

Auf der Homepage der „edition federleicht“ ist eine Kurzrezension zu „zusammen bleiben“ von Susanne Konrad erschienen.

Vom Anfang an beeindruckt mich die Bildhaftigkeit der Sprache und der Detailreichtum des Erzählten. Ein Lokalkolorit von großer Genauigkeit wird heraufbeschworen. Als Leserin gelingt es mir mühelos, mich in das Jahr 1939 hineinzubegeben, weil auch solche Fakten, über die andere Autoren hinwegspringen, präzise recherchiert sind und konkret benannt werden. “Zusammen bleiben” ist kein Buch, das sich rasch verkonsumieren lässt, dazu ist es viel zu dicht geschrieben. Man muss sich einlassen auf Sylvia Schmieders Erzählwelt, dann wird man mit emotionaler Spannung und auch mit großer Anschaulichkeit belohnt, die den zeitgeschichtlichen Wissensdurst anregt.

Susanne Konrad, Schriftstellerin und Dozentin für Kreatives Schreiben. https://www.susanne-konrad.de/

Die erste Rezension von „zusammen bleiben“. Von der Autorin Ute Bales.

„zusammen bleiben“ – ein Roman von Sylvia Schmieder. Rezension: Ute Bales

Erstaunlich, was sich erleben lässt, wenn man die eigene Familiengeschichte durchforscht.

Sylvia Schmieder beginnt ihren 324 Seiten starken, fulminanten Familienroman mit einer heiteren Szene: Die Großmutter breitet die Arme aus und Claudia, die Enkelin, rennt in sie hinein „wie ein Pfennig in einen Magnet.“ Diese beiden Frauen bilden die Klammer des Romans, der sich dann in 30 Kapiteln entfaltet. Die Großmutter Mari, die im Dreiländereck Ungarn-Slowakei-Österreich aufwächst, will Schriftstellerin werden. Ihr Mann Ludwig hat andere Dinge im Kopf. Die Nazis bieten ihm Perspektiven und Mari zieht mit ihrem Mann und den Kindern nach Frankfurt, bereut aber bald, ihm gefolgt zu sein. Es sind nicht nur der Krieg und Ludwigs Arbeit bei der Waffen SS, sie vermisst ihr Land und ihre Sprache. Als Ludwig eine Affäre beginnt, geht sie zurück in die Slowakei. Dort wird 1944 ihr Bruder Peter wegen seiner kritischen Berichterstattung als Journalist von der Gestapo verhaftet und nach Mauthausen verschleppt. Etwa zeitgleich beteiligt sich Ludwig an Massenerschießungen in der Ukraine.

Der andere Strang des Romans erzählt die Geschichte der Enkelin Claudia, die nicht nur von der Sprachenvielfalt der Großmutter fasziniert ist. Für sie ist die Großmutter ein Anker, eine „Menschenmischerin“, wie sie sie nennt, die sich, wie niemand sonst, auf die Kunst der Worte versteht. Wenn sich die Großmutter mit ihrer Familie unterhält, dann sind sie „die Familie mit den besonderen Wörtern“. Die Großmutter ist auch diejenige, die Kraft gibt: „Wenn sie sich umarmten, schossen Claudia die Kräfte nur so in die Glieder, dass sie gleich weiterlaufen musste, die Fäuste ballte und schrie ….“ (Seite 5) Eine der Schlüsselszenen des Romans findet sich gleich zu Beginn. Die Großmutter zeigt ihrer Enkelin, wie sie aus dem, was im eigenen Garten wächst, eine Kräuterolle macht: Sauerampfer, Petersilie, Pimpinelle, Schnittlauch, Estragon, Boretsch. „Die Rolle schmeckte scharf, sauer und bitter zugleich, sogar ein wenig Süße steckt in ihr – also schmeckte sie eigentlich nach allem … “ (Seite 11) Diese unterschiedlichen Ingredienzen versinnbildlichen die „Wildnis“ dieser verzweigten Familienkonstellation und Claudia spürt, wie sie beim Verzehr der Kräuterrolle „Teil des Undurchdringlichen, Unverständlichen wird.“ (Seite 12)

Was sich bei der Großmutter als sprachliche und emotionale Energie entlädt, sucht Claudia bei der eigenen Mutter vergeblich. In ihrem Verhältnis gibt es eine Leerstelle, die beide auf unterschiedliche Weise zu füllen versuchen. Die Mutter spricht kaum über Widerfahrenes, obwohl sie Krieg und Flucht erlebt hat. Aufopfernd kümmert sie sich um Claudias behinderten Bruder und spürt nicht, wie die eigene Tochter leidet und zusehends vereinsamt. Überhaupt bemerkt niemand die Nöte des Mädchens, selbst dann nicht, als Claudia eine Magersucht entwickelt. „Sie trank auch nur noch Wasser, das fiel gar nicht auf. Gar nichts von all dem fiel auf, wie immer, ihre Mutter hatte andere Sorgen, ihr Vater war bei der Arbeit oder spielte Klavier und ihre Geschwister verstanden nichts, ganz wie sie selbst“. (Seite 203).

Mit den Frauenfiguren ihres Romans gibt Sylvia Schmieder dem Krieg ein weibliches Gesicht. Auf gewisse Weise ist das Buch der Versuch, zwischen drei Generationen zu vermitteln. Indem die Autorin Szenen aus dem Alltag herausgreift, kleine Momente und Episoden, Streitereien und Wortwechsel, Sorgen, Nöte und verpasste Gelegenheiten, lotet sie gleichzeitig die Untiefen der Lebensumstände aus, das nicht zu Verstehende, das Unergründliche, die Risse, die sich durch die Familie ziehen. „Er steht langsam auf, zieht sich in sein ehemaliges Arbeitszimmer zurück und kramt in den Resten seines Bündels, dessen brüchige Schnur er gestern mit eine unheimlichen Mischung aus Seufzen und Stöhnen zerrissen hat.“ (S. 297)

Sylvia Schmieder erweist sich mit ihrer bilderreichen Sprache als feinsinnige Beobachterin: „Sie sieht einem Amselpärchen auf dem Rasen zu, wie es nasse Blätter beiseite wirft, Würmer pickt. Sie hört dem Wasserhahn zu, der tropft, aber ganz langsam, während es sich draußen einregnet. Es ist, als bekäme das Haus eine Gänsehaut.“ (Seite 83)

Der opulente Roman, akribisch recherchiert, zeigt die Auswirkungen der NS-Zeit bis in die dritte Generation und macht deutlich, dass die Geschichte von Nazi-Diktatur und Holocaust Menschheitsgeschichte ist. Niemand kann sich herausnehmen, jeder leidet für sich. Ganz besonders, wenn die Auseinandersetzung fehlt. Die Kapitel fügen sich am Ende zusammen und zeigen, wie fest, aber auch wie zerrissen Familienbande sein können.

Was Claudia betrifft, so ist am Ende klar: Ohne den Krieg und seine Folgen wäre aus ihr ein ganz anderer Mensch geworden. Was macht uns schließlich zu dem, was wir sind?

Im letzten Kapitel verneigt sich die Großmutter mit einem anrührenden Satz vor ihrer Enkelin: „Das war ja ein Stückchen Leben, du konntest es nur nicht richtig erkennen …“ (Seite 320)

„Zusammen bleiben“ ist ein berührendes Portrait einer Zeit und seiner Menschen, das unter die Haut geht.

Unbedingt empfehlenswert.

März 2024

Lesetipp von Sylvia Schmieder: In Wahrheit eine/ganz und gar unpathetische Ruhe. Zu Jakob Leiners Gedichtband „Gewetter“.

Der 1992 geborene Arzt und Lyriker Jakob Leiner hat mit „Gewetter“ seinen vierten Gedichtband vorgelegt. Diesmal sind es lyrische Notizen zu Reisen, überschrieben schlicht und sachlich mit Datum, Ort und Uhrzeit – etwas wie ein poetisches Tagebuch also, aus Orten quer durch Europa, darunter auch aus der Freiburger Regio. Das Thema in Variationen: Mensch und Natur(-zerstörung). Da gibt es Berichte zu Wanderungen mit so unprätentiösen wie treffenden Versen wie Was dieser Tag gebracht hat/in der Tasche/5 Steine/in Wahrheit eine/ganz und gar unpathetische Ruhe. Auch leichte, verspielte, humorvolle Gedichte wie die über den Schwarm der Störche, die „in sorgsamer Spirale“ steigen, um dann zusammen wieder zu fallen aus bleierner Luft. rum/wa fragt sich der mit ihnen fallende Beobachter, um sich selbst zu antworten: irgendwas mit dem Wetter/muss es sein. Andererseits bleibe ich an intellektuell-spröden Versen hängen, wissenschaftlichen Fachbegriffen, assoziativ Verrätseltem, das mir die Lesefreude nimmt, weil ich den Verdacht nicht loswerde, dass es sich bedeutsamer gibt, als es ist. Warum es sich für mich unbedingt gelohnt hat, dranzubleiben? Wegen dieser speziellen Mischung aus trockener Ironie und sinnlicher Begeisterung, wegen Versen wie diesen über das „Castello di Duino, bei Trieste“:
unter donnernder Bläue/Gellen des obersten Reihers/der sich in die Adria stürzt/hier wird es begrüßt/von Engeln zu reden/wie ein Licht das alle/Helligkeiten trägt/als altes Flüstern/fortgetragen/die Adern voll Dasein. (…) aber bitte/nicht so stürmisch.

Jakob Leiner, Gewetter. Gedichte. Qintus-Verlag Berlin, 2022, 18 €.