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Eine kurze Geschichte in sieben Bildern

(Vita)

Eine Sozialbauwohnung in Frankfurt/Main, 1972. Eine Sechsjährige hockt mit Winnetou-Buch in einer einigermaßen ruhigen Ecke und träumt vor sich hin. Dann robbt sie zu ihrem kleinen, roten Sparkassentaschenkalender und erfindet ein neues Spiel. Sie krakelt ein paar Zeilen hinein, die man auch singen kann. Anschließend ergänzt sie ihre Liste WAS ICH EINMAL WERDEN KAN um das Wort SCHRIFTSTELER.

Ein Reihenhaus im S-Bahn-Gebiet München, 1981. Eine Verzweifelte fegt das Erdkundebuch vom Jugendschreibtisch und schmiert Unleserliches in ihr Tagebuch. Niemand versteht sie. Sie versteht sich ja nicht einmal selbst.

Ein Altbau in Freiburg/Breisgau, 1988. Eine Studentin der Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie klemmt "Kasimir und Karoline" neben den "Zauberberg" ins Regal, wirft sich zurück ins Bett, angelt sich ihren Collegeblock vom Boden und schreibt schon wieder ein Liebesgedicht. Sie findet das ja selbst peinlich. Und es darf niemand wissen. Auf keinen Fall.

Ein cooles Büro, 1995. Eine Werbetexterin bewundert die Anzeigenentwürfe, die einer dieser Skribblekünstler wieder so zart und harmonisch gestaltet hat. Dann schaut sie nachdenklich in ihr schwarzes Bildschirmungetüm. Sie findet es so ansteckend, wenn Menschen sich leidenschaftlich in ihre Projekte verbeißen, wie die Kreativen hier. Aber was sie selbst textet, hinterlässt ein schales Gefühl. Was macht sie hier eigentlich? Warum soll sie Dinge verkaufen, die niemand wirklich braucht?

Die Halle der Bühnenplastiker in Baden-Baden, 2001. Eine Journalistin hängt an den Lippen eines älteren Herrn, der erklärt, wie er eine Steinmauer aus Styropor herstellt. Das Leben riecht nach Farbe. Es zieht im Leben, wie in allen großen Hallen, und seine gewaltigen Regale halten tausend Überraschungen bereit. Jetzt hebt der Mann einen greinenden Säugling aus einem unteren Fach, den sie vorsichtig mit den Fingerkuppen betastet. Styropor. Man glaubt es nicht. Ihre Reportage soll genau so perfekt werden wie dieser Säugling.

Ein freundliches Büro in Freiburg, 2015. Endlich hat sie einen sicheren Job, als Pressereferentin eines Sozialdienstleisters. Sie ist gerne Freelancerin gewesen, aber mit den Jahren hat es sie erschöpft. Hier organisiert sie Presseevents, schreibt Gebrauchstexte in allen Variationen. Leider liest sie fast nur noch Protokolle. Aber wann immer sie die Kraft hat, schreibt sie zu Hause weiter: Erzählungen, Gedichte, einen Roman. Und sie ahnt schon, dass sie es auch hier nicht lange aushalten wird.

Ein Heimarbeitsplatz, 2019. Die Stapel stapeln sich. Links lockt zum Beispiel Jan Wagner, der über Daniel Kehlmann zu liegen gekommen ist, darunter Tilman Rammstedt, daneben das Zeit-Magazin. Rechts warten Honorarabrechnungen auf ihren Ordner. Sie seufzt in ihr Notebook. Ihre Finanzen könnten wirklich gesünder sein. Ihre Erfolge zahlreicher. Aber hinter ihr hängt dieser triumphale Vers von Tomas Tranströmer: Du musst nicht sterben, wenn du spielen kannst. Also schreibt sie einfach weiter und vergisst die Zeit.